Spannendes rund um die Burg – Castillo de Castellar

Erst kamen das Wasser und die Politik, dann die Künstler und der Tourismus

CASTELLAR DE LA FRONTERA – ml | Vor mehr als 30 Jahren war es soweit. Der Fluss Guadaranque hatte endlich seinen Stausee und verschlang alsbald die Acker- und Weideflächen und so die Lebensgrundlage der Einwohner von Castellar de la Frontera, einem malerischen Berg- und Festungsdorf rund zehn Kilometer nördlich der Bucht von Algeciras. Der spanische Staat sorgte für Ausgleich und stellte weiter unten im Tal neues Land nebst neuem und modernerem Dorf zur Verfügung: Nuevo Castellar.

Und dem „alten“ Castillo de Castellar wurde ein weiteres Kapitel seiner langen Biographie hinzugefügt: Nach vermutlich bronzezeitlichen Siedlern und antiken Römern, mittelalterlich kämpfenden Mauren und Christen und schließlich herrschaftlich residierendem Landadel, schrieben nun die Großen der spanischen Wirtschaft und Politik das Drehbuch zu einem Krimi der Extraklasse.

Er endete 1983 mit der Verstaatlichung und Zerschlagung des Wirtschaftsgiganten RUMASA, damals Eigentümer der hiesigen und riesigen Ländereien. Die hochfliegenden Pläne des Firmenchefs Ruíz Mateos machte sich flugs der spanische Staat zu eigen und wollte das seit 1963 denkmalgeschützte Castillo in eine Nobelherberge, einen Parador, verwandeln.

Doch daraus wurde erstmal nichts. In irgendeiner Schublade hatte ein Dokument überlebt, das die vormaligen Bewohner zu den rechtmäßigen Eigentümern ihres Dorfes erklärte. Diese überließen allerdings ihr altes Gemäuer bereitwillig Lebenskünstlern aus aller Welt, die daraus in liebevoller Kleinarbeit ein heute blumenumranktes Labyrinth bezaubernder und einmaliger andalusischer Dörflichkeit schufen.

Aber auch der Weg macht den Ausflug nach Castellar zu einem lohnenswerten Ziel. Die N-340 von Estepona aus kommend empfängt einen die Provinz Cádiz wohltuend „baukranarm“ und bietet noch eine besondere Überraschung: Einen echten Fahrradweg, entlang der gesamten Strecke nach Nuevo Castellar. Anmutig schlängelt sich diese Landstraße 14 Kilometer durch Wiesen, Wald und Zitrushaine und hält beeindruckende Panoramen bereit: Vom Meer und dem Hausberg Marbellas über den knapp 1.500 Meter hohen Pico Reales bei Estepona bis nach Gaucín, malerisch in die Serranía de Ronda gebettet, reichen die Blicke. Und wenn sich dann noch eine Herde erdbrauner Rinder dekorativ dem Widerkäuen hingibt, könnte man glatt glauben eine allgäuer Voralpenlandschaft zu bestaunen.

Castellar

Wanderer auf einem der seltenen Radwege in Spanien (L) – Von Nuevo Castellar führt der Blick hinauf und zurück ins Mittelalter: Castillo de Castellar (Mitte) – Gepflegt und gelassen geht es zu im modernen Castellar de la Frontera (R).

Tiere begrüßen die Ausflügler auch in Nuevo Castellar. Nicht nur im Zoo am Ortseingang, sondern auch mitten im hübsch und geschickt angelegten und sehr gepflegten Dorf selbst. Dort begegnet man andalusisch gelassenen Caballeros und klappern Weißstörche vom modern in den Himmel ragenden Kirchturm. Rund um die Plaza Andalucía lassen sich spanisches Familientreiben in den Bars und Restaurants und der Ausblick auf das in 248 Meter Höhe thronende Castillo de Castellar genießen.

Folgt man der Ausschilderung, so erreicht man den acht Kilometer langen Abzweig zur Bergfeste aus dem 13. Jahrhundert. Auf diesem befindet man sich nebenher noch inmitten von zwei weiteren landschaftlichen Superlativen Europas: Dem größten Eichenwald, den Naturpark Alcornocales – gleichzeitig die grüne Lunge der Region –, und dem mit 16.000 Hektar größten Latifundium, der Finca Almoraima. Dieses riesige staatliche Gut beherbergt neben einem Vogelschutzgebiet (auch Störche) und einer Vielzahl von Klein- und Großwild auch das gleichnamige Kloster aus dem 17. Jahrhundert (ausgeschildert und zwischenzeitlich ein Hotel).

Castellar de la Frontera

Ein Wanderweg durch eine Bilderbuchlandschaft führt hinunter zum Fluss.

Durch eine verwunschene und bizarre Landschaft führt die Straße kurvenreich an einer im Flusstal gelegenen Venta (botanischer Garten hinter der Brücke) und am Stausee vorbei hinauf zur maurischen Festungsanlage. Von dem kurz unterhalb liegenden Mirador aus erstreckt sich eine bis nach Gibraltar reichende atemberaubende Kulisse und ein 2,5 Kilometer langer wildromantischer Wanderweg hinab zur Venta am Fluss, und die ein oder andere friedliche „Burg-Belagerung“ durch entspannt feiernde und musizierende Jung- und Althippies.

Friedlich, weil zu Fuß, geht es dann auch im Innern des pittoresken Burgdorfes zu. Die monumentale Festungsanlage mit ihren blühenden Bilderbuchgassen bietet immer wieder imposante Aus- und Einblicke: Etwa von dem Balkon der Liebenden aus hoch über den sanft ruhenden Stausee oder kunstinteressiert in eines der versteckten Ateliers. Und wer besonders bedächtig durch die Pflanzenpracht dieses Kleinods wandelt, wird auch heute noch unmittelbar neben sich im Geäst unbeeindruckt schlummernde Katzen entdecken können.

Neben Künstlern und Zivilisationsmüden hat auch die Provinz Cádiz einige der Häuschen hergerichtet und vermietet sie an Liebhaber des sanften Tourismus. Pläne für den Parador bestehen weiterhin. Aber das ist dann wieder ein neues Kapitel.

Altes Pflaster, weiße Häuschen und üppige Pflanzenpracht im Innern des alten Castillo (L) – Überaus Romantisch und etwas versteckt: Balkon der Liebenden (Mitte) – Beeindruckende Ausblicke über die Landschaft des Staussees Guadaranque (R).

Altes Pflaster, weiße Häuschen und üppige Pflanzenpracht im Innern des alten Castillo (L) – Überaus romantisch und etwas versteckt: Balkon der Liebenden (Mitte) – Beeindruckende Ausblicke über die Landschaft des Staussees Guadaranque (R).

Dieser Artikel erschien original im Dezember 2006 in der Printausgabe der Costa del Sol Nachrichten. Und er erscheint hier erneut, da er nach wie vor aktuell ist – hinsichtlich der Schönheit und Außergewöhnlichkeit Castellars bzw. des Castillo de Castellar. Und, ganz so, wie der Artikel endet – Fortsetzung folgt, in Kürze hier.

Munir

Munir ist Kultur- und Sozialwissenschaftler und Gastronom, und erfahrener Motorradreisender. Die iberische Halbinsel, und speziell Andalusien, bieten ihm für all dies ein weites und reiches Feld. Besonders am Herzen liegen ihm die Serranías (und Weine) rund um Ronda, und generell das Andalusien jenseits der Hauptrouten. Er konzipiert zusammen mit Jürgen das Reiseprogramm und begibt sich ebenso auf Erkundungstouren. Er leitet und begleitet unsere geführten Rundreisen.
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About Munir

Munir ist Kultur- und Sozialwissenschaftler und Gastronom, und erfahrener Motorradreisender. Die iberische Halbinsel, und speziell Andalusien, bieten ihm für all dies ein weites und reiches Feld. Besonders am Herzen liegen ihm die Serranías (und Weine) rund um Ronda, und generell das Andalusien jenseits der Hauptrouten. Er konzipiert zusammen mit Jürgen das Reiseprogramm und begibt sich ebenso auf Erkundungstouren. Er leitet und begleitet unsere geführten Rundreisen.

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