Nuestra Señora de Gracia 2014

Wenn Euch Land und Leute interessieren und Ihr einmal in die lebendige Tradition in Andalusien eintauchen wollt, dann empfehle ich Euch den Besuch einer der örtlichen Feiern. Da gibt es etwa Stadt und Dorffeste mit viel Halligalli, ähnlich wie in Deutschland die Kirmes (berühmt sind die Feria de Sevilla im Mai und die Feria de Málaga im August). Was ich aber viel interessanter finde, sind die kirchlichen Veranstaltungen, die auch für nicht besonders Religiöse einen interessanten Einblick in die Kultur dieses vielfältigen Landes bieten.

Ihr habt sicherlich schon von der Semana Santa gehört und von den Prozessionen, die in der prozession-alhaurin5Vor-Osterwoche bis Ostersonntag stattfinden. Nun, nicht jeder hat die Gelegenheit, sich genau zu Ostern das ganz große Spektakel anzusehen. Des einen Freud, des anderen Leid, Tatsache ist, dass es das ganze Jahr über Feiertage gibt, die ausgiebig zelebriert werden.

Neulich hatte ich zum Beispiel die Gelegenheit, vor dem Haus meiner Freundin Isa, der Prozession an Maria Himmelfahrt (in Spanien: Asunción) bei uns im Pueblo beizuwohnen.

In der Regel gibt es in jedem Ort mindestens zwei Bruderschaften, die auch durchaus gegeneinander konkurrieren. Bei uns sind es zwei: Los Verdes (die Grünen) und Los Moraos (andalusisch für morado, die Lilanen). Es gehört zum guten Ton, sich an einem Tag, an dem die Grünen die Feier gestalten, keine lila Kleidung anzuziehen und umgekehrt. Die Farbtreue zur Bruderschaft, der man angehört, so hat man mir erzählt, ging früher sogar so weit, dass einer in der Apotheke sein – vom Doktor verschriebenes – Medikament abholen wollte und dem Apotheker sagte: „Das nehm ich nicht, gib mir was anderes.“  – nur weil der Packungsaufdruck die Farbe der anderen Bruderschaft hatte.

Die Feierlichkeiten zu Asunción sind aber der Schutzpatronin unseres Dorfes gewidmet – Nuestra Señora de Gracia – und werden von allen gemeinsam begangen.

Dabei besucht die Jungfrau – sie geht natürlich nicht zu Fuß – in der Woche vor dem Feiertag verschiedene Stadtviertel, wo ihr ein würdiger Empfang bereitet wird.

Am eigentlichen Feiertag wird das ganze Dorf um acht Uhr morgens von Böllern geweckt (das ist noch eine humane Uhrzeit, die Lilanen und die Grünen schrecken ihre Mitbürger schon um sechs aus dem Bett) und abends um neun beginnt die Prozession. Die Anwohner haben bis dahin ihre Fenster und Balkone traditionell mit colchas (Bettüberwürfen) und Mantillas (bunten Tüchern) geschmückt und ihre Stühle auf dem Gehweg aufgestellt.

prozession-alhaurin3Dann geht es los…  – ich höre die typische Prozessions-Musik und die Glöckchen der Kirche erklingen, an der die Señora gerade vorbeigetragen wird.

„Sie kommen!“

Der Zug biegt in unser Gässchen ein und es nähert sich die erste Kapelle. Die Bässe der Trommeln dringen bis in meinen Bauch – ich mag dieses Gefühl, es erinnert mich an meinen Vater, der in jungen Jahren bei einer Feuerwehrkapelle trommelte. Als nächstes folgt eine Gruppe von jungen Leuten in Uniformen, die im Paradeschritt heranmarschieren.

In Málaga gibt es bei der Semana Santa sogar eine Prozession der Fremdenlegion. Antonio Banderas, der ein Sohn Málagas ist, stimmt in seinem neuen Film eine Strophe aus deren Hymne an.

prozession-alhaurin2Danach erscheinen kleine Mädchen in Flamencokleidern, hübsch frisiert und geschminkt in der Obhut junger Frauen. Alle jungen Frauen, die in diesem Jahr das achtzehnte Lebensjahr vollenden, sind – einheitlich schwarz/weiss gekleidet – dabei und führen die Kleinen an der Hand. Die Anwohner springen immer wieder in ihre Häuser, um Trinkwasser für die Vorbeiziehenden zu holen. „¿Quieres agua?“, höre ich immer wieder. „Karina, bitte mach ein Foto von meiner Tochter, ich gehe schnell ins Haus, Wasser für sie holen“, bittet mich Maria. Klar, mache ich gerne das Foto und bewundere, wie ihre hübsche Tochter, die gerade vorige Woche ihren 18ten gefeiert hatte, so ganz natürlich in die Kamera lächelt.

prozession-alhaurin4Ein Flötenspieler und ein Trommler bleiben eine ganze Weile vor uns stehen und ich fühle mich, mit diesem Panorama vor Augen, wie in eine andere Zeit versetzt. Noch mehr Kinder, diesmal in Trachten, tauchen auf. Gut, dass der Zug oft anhält, denn es wird immer dunkler, was das Fotografieren immer schwieriger macht.

Es folgen die Señoras und Señores – jeder der Rang und Namen hat, muss dabei sein – in Festtagskleidung, selbstverständlich, mit langen verzierten Metallstäben in der Hand – die Damen in Stöckelschuhen auf dem langen Weg über das Steinpflaster. Da tun mir schon beim Hinsehen die Füße weh.

Schließlich erblicke ich den Thron mit der Jungfrau, der sich in Begleitung einer weiteren Musikkapelle, schwankend nähert. Er wird getragen von jungen Männern, die heuer das achtzehnte Lebensjahr vollenden. Sie gehen im Gleichschritt, in vier Reihen. Der Thron ruht auf vier Holzbalken und diese wiederum auf den Schultern der Träger, die daher alle ungefähr die gleiche Körperlänge haben müssen.

prozession-alhaurin6Wie schön sie aussieht, Nuestra Señora de Gracia (auf Deutsch würde man vermutlich sagen: unsere liebe Frau der Gnade, wobei das spanische Wort Gracia auch Grazie, Anmut, Witzigkeit, Gunst und Dank bedeutet) – auf ihrem opulenten Thron unter dem Baldachin.

Das finden wohl auch die jungen Träger, denn sobald die Musik aussetzt, hört man einen rufen: „¡Viva la Virgen de Gracia!“, gefolgt von dem lautstarken Echo der anderen: „¡Viiivaaa!“

„¡Viva la Virgen de Gracia!“ – „¡Arriiiba!“

– und schliesslich:

„¡Viva la Virgen de Gracia!“ – „¡Guapaaaaa!“

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